Wehrpflicht? Nein danke!
In Deutschland wird aktuell über die Wiedereinführung der Wehrpflicht diskutiert. Dabei wird oft übersehen, welche Auswirkungen diese Entscheidung auf junge Menschen hätte. Zum einen wäre die Wehrpflicht ein Eingriff in die persönliche Freiheit. Denn Wehrpflicht bedeutet, dass der Staat entscheidet, was junge Menschen nach der Schule machen müssen. Es wären also auch diejenigen betroffen, die sie eigentlich nicht ausführen möchten. Aber sollte nicht jeder selbst über seine Zukunft bestimmen dürfen? Vor allem in dieser Lebensphase, in der viele vor wichtigen Entscheidungen stehen: Ausbildung, Studium, Auslandsjahr oder einfach erstmal Orientierung. Die Wehrpflicht würde diese Pläne unterbrechen oder verschieben, was zur Verzögerung oder Verschiebung der Karrierewege führen kann, ohne dass die Betroffenen das wollen.
Ein großes Problem der Wehrpflicht ist die fehlende Motivation. Menschen, die zu etwas gezwungen werden, machen es oft nur, weil sie müssen, nicht weil sie wollen. Das wirkt sich dann auf die Qualität der Arbeit aus. Ein Modell, welches dies beschreibt, ist die Reaktanztheorie nach Jack Brehm, welche die psychologischen Folgen einer wahrgenommenen Freiheitseinschränkung beschreibt. Brehm vermutet, dass es dabei häufig zu einer gegenteiligen Handlung kommt (laut Spektrum der Wissenschaft). Motivation und Qualität sind aber im militärischen Bereich sehr wichtig. Die Soldaten müssten eine große Verantwortung übernehmen. Ist die Motivation also nicht gegeben, kann das erhebliche Auswirkungen haben.
Ein weiteres Argument gegen die Wehrpflicht ist die Frage, ob sie überhaupt wirksam wäre. Kritiker bezweifeln, dass eine Armee aus kurz ausgebildeten Soldaten wirklich sinnvoll funktionieren würde. Denn die Ausbildung dauert nur wenige Monate. In dieser kurzen Zeit können die Wehrpflichtigen die Grundlagen lernen, jedoch nicht das gleiche Niveau erreichen wie professionelle Soldaten, die sich freiwillig für diesen Beruf entschieden haben. Um die nötige Technik und Erfahrung zu bekommen, werden gut ausgebildete Fachkräfte benötigt, die lange im Dienst bleiben, und nicht ständig neue, unerfahrene Personen, die nach kurzer Zeit wieder gehen.
Bei der Wiedereinführung müssen auch die Kosten und die Militarisierung berücksichtigt werden. Aber was bedeutet eigentlich „Militarisierung“?
Militarisierung bezeichnet den Prozess, bei dem militärische Denkweisen, Werte und Symbole immer mehr Einfluss auf die gesamte Gesellschaft gewinnen. Die Gefahr besteht darin, dass Probleme zunehmend militärisch statt durch Verhandlungen und Diplomatie gelöst werden oder die Anwesenheit von Soldaten im Alltag als „normal“ empfunden wird. Dadurch rückt der Krieg näher in das Bewusstsein der Bevölkerung. Wenn ganze Generationen junger Männer zum Wehrdienst verpflichtet werden, dann wird der Umgang mit Waffen normal. Wollen wir das?
Bei zwei Befragungen aus dem Jahr 2025 ( Forsa-Studie und ZMSBw-Bevölkerungsbefragung) gaben 59% an „wahrscheinlich nicht“ oder „definitiv nicht“ bereit zu sein, das Land militärisch zu verteidigen. 57% der Deutschen lehnen es ab, Deutschland im Falle eines Angriffs mit der Waffe zu verteidigen.
Bei dem Thema Wehrpflicht wird oft vergessen, wie viele Ausgaben dies für den Sozialstaat verursachen könnte. Eine Ifo-Studie zeigt, dass eine Wiedereinführung bis zu 70 Milliarden Euro kosten würde und zwar für den Sold der Soldaten, Unterkünfte, Essen, Kleidung, Ausrüstung, Kasernen, Ausbilder und weiteres Personal. Dieses Geld würde an anderer Stelle fehlen, wie zum Beispiel an Schulen, Krankenhäusern oder an der maroden Infrastruktur.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass durch die Wehrpflicht junge Menschen später in den Beruf starten und später Steuern zahlen. In einem Szenario, in dem der gesamte Jahrgang (100%) eingezogen würde, beziffert das IFO-Institut den Verlust an Wirtschaftsleistung auf bis zu 70 bis 79 Milliarden Euro pro Jahr.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Wehrpflicht und die dadurch entstehende Militarisierung der Gesellschaft einige Gefahren mit sich bringen. Hinzu kommen der Eingriff in die persönliche Freiheit, die Reaktanz und die kurze Ausbildung. Interessant ist auch die relativ große Ablehnung der Bevölkerung, das Land militärisch (mit Waffen) zu verteidigen. Erschreckend erscheinen auch die hohen Kosten von ca. 140 Milliarden Euro für die Einführung der Wehrpflicht und den Verlust der Wirtschaftsleistung. Wollen wir diese Kosten tragen? Wir denken nicht.
