Die Wehrpflicht in Schweden – Pflicht oder Freiheit

Das Militär wird in Europa immer weiter zu einer Sicherheitsgrundlage. Durch wachsende Bedrohungen gibt es in vielen Ländern die Diskussion über die Wiedereinführung des Wehrdienstes. In diesem Artikel beantworte ich die wichtigsten Fragen zum Wehrdienst in Schweden.

Seit wann gibt es eine Wehrpflicht in Schweden?

Die Wehrpflicht in Schweden wurde im Jahr 2010 durch einen freiwilligen Wehrdienst ersetzt. Es standen jährlich 3.500 Plätze für Männer und Frauen zur Verfügung. Im Schnitt wurden jedoch nur 2.200 Plätze in Anspruch genommen, nur in einem Jahr wurde die maximale Anzahl an Freiwilligen erreicht. Zu dem Zeitpunkt gab es in Osteuropa immer wieder Konflikte, weshalb das schwedische Parlament 2017 entschied, die Wehrpflicht für Männer und Frauen wieder einzuführen.

Wer soll den Wehrdienst leisten?

Geregelt wird die Wehrpflicht durch Fragebögen, die an alle Personen im Alter von 18 Jahren gesendet werden. Bei der Auswertung der Fragebögen wird vor allem geschaut, welche Personen motiviert sind Wehrdienst zu leisten und wer am besten geeignet ist. Laut dem Verband der deutschen Reservisten werden dadurch 30% der Befragten ausgewählt und in den Wehrdienst eingezogen.

Wie läuft der Wehrdienst ab?

Laut einem Bericht der Tagesschau vom 02.03.2017 dauert der Wehrdienst in Schweden etwa 9. bis 11 Monate. Rekruten und Rekrutinnen sollen neben dem militärischen Einsatz auch Zivilschutz bei Katastrophen und in Krisensituationen leisten.

Warum ist der Wehrdienst in Schweden so beliebt?

In Schweden versucht die Musterungsbehörde anhand der angegebenen Daten, die Stärken und Qualifikation für eine passende Stelle im Militär herauszufinden. Hier gibt es 250 verschiedene Möglichkeiten eingesetzt zu werden. Dazu kommt, dass der Wehrdienst in Schweden bei der Bevölkerung positiv angesehen wird, wie ein Interview vom Verband der deutschen Reservisten mit dem schwedischen Verteidigungsminister  Pål Jonson sagt.

Welche Nachteile gibt es bei einem schwedischem Model?

Das schwedische Modell ist weniger gut für eine langfristige Rekrutierung geeignet, weil viele den Wehrdienst nur kurz ausüben und sich danach anderen Dinge, wie einer Ausbildung oder einem Studium widmen. Außerdem erscheint es für manche ein unfaires System zu sein, da nur ein Teil des Jahrgangs ausgewählt wird. Die Betroffenen fühlen sich teilweise benachteiligt, weil sie selbst eingezogen wurden und andere nicht. Dazu kommt ein sehr hoher organisatorischer Aufwand für die, die am Ende gar nicht den Wehrdienst leisten.

Wehrpflicht? Nein danke!

In Deutschland wird aktuell über die Wiedereinführung der Wehrpflicht diskutiert. Dabei wird oft übersehen, welche Auswirkungen diese Entscheidung auf junge Menschen hätte. Zum einen wäre die Wehrpflicht ein Eingriff in die persönliche Freiheit. Denn Wehrpflicht bedeutet, dass der Staat entscheidet, was junge Menschen nach der Schule machen müssen. Es wären also auch diejenigen betroffen, die sie eigentlich nicht ausführen möchten. Aber sollte nicht jeder selbst über seine Zukunft bestimmen dürfen? Vor allem in dieser Lebensphase, in der viele vor wichtigen Entscheidungen stehen: Ausbildung, Studium, Auslandsjahr oder einfach erstmal Orientierung. Die Wehrpflicht würde diese Pläne unterbrechen oder verschieben, was zur Verzögerung oder Verschiebung der Karrierewege führen kann, ohne dass die Betroffenen das wollen.

Ein großes Problem der Wehrpflicht ist die fehlende Motivation. Menschen, die zu etwas gezwungen werden, machen es oft nur, weil sie müssen, nicht weil sie wollen. Das wirkt sich dann auf die Qualität der Arbeit aus. Ein Modell, welches dies beschreibt, ist die Reaktanztheorie nach Jack Brehm, welche die psychologischen Folgen einer wahrgenommenen Freiheitseinschränkung beschreibt. Brehm vermutet, dass es dabei häufig zu einer gegenteiligen Handlung kommt (laut Spektrum der Wissenschaft). Motivation und Qualität sind aber im militärischen Bereich sehr wichtig. Die Soldaten müssten eine große Verantwortung übernehmen. Ist die Motivation also nicht gegeben, kann das erhebliche Auswirkungen haben.

Ein weiteres Argument gegen die Wehrpflicht ist die Frage, ob sie überhaupt wirksam wäre. Kritiker bezweifeln, dass eine Armee aus kurz ausgebildeten Soldaten wirklich sinnvoll funktionieren würde. Denn die Ausbildung dauert nur wenige Monate. In dieser kurzen Zeit können die Wehrpflichtigen die Grundlagen lernen, jedoch nicht das gleiche Niveau erreichen wie professionelle Soldaten, die sich freiwillig für diesen Beruf entschieden haben. Um die nötige Technik und Erfahrung zu bekommen, werden gut ausgebildete Fachkräfte benötigt, die lange im Dienst bleiben, und nicht ständig neue, unerfahrene Personen, die nach kurzer Zeit wieder gehen.

Bei der Wiedereinführung müssen auch die Kosten und die Militarisierung berücksichtigt werden. Aber was bedeutet eigentlich „Militarisierung“?

Militarisierung bezeichnet den Prozess, bei dem militärische Denkweisen, Werte und Symbole immer mehr Einfluss auf die gesamte Gesellschaft gewinnen. Die Gefahr besteht darin, dass Probleme zunehmend militärisch statt durch Verhandlungen und Diplomatie gelöst werden oder die Anwesenheit von Soldaten im Alltag als „normal“ empfunden wird. Dadurch rückt der Krieg näher in das Bewusstsein der Bevölkerung. Wenn ganze Generationen junger Männer zum Wehrdienst verpflichtet werden, dann wird der Umgang mit Waffen normal. Wollen wir das?

Bei zwei Befragungen aus dem Jahr 2025 ( Forsa-Studie und ZMSBw-Bevölkerungsbefragung) gaben 59% an „wahrscheinlich nicht“ oder „definitiv nicht“ bereit zu sein, das Land militärisch zu verteidigen. 57% der Deutschen lehnen es ab, Deutschland im Falle eines Angriffs mit der Waffe zu verteidigen.

Bei dem Thema Wehrpflicht wird oft vergessen, wie viele Ausgaben dies für den Sozialstaat verursachen könnte. Eine Ifo-Studie zeigt, dass eine Wiedereinführung bis zu 70 Milliarden Euro kosten würde und zwar für den Sold der Soldaten, Unterkünfte, Essen, Kleidung, Ausrüstung, Kasernen, Ausbilder und weiteres Personal. Dieses Geld würde an anderer Stelle fehlen, wie zum Beispiel an Schulen, Krankenhäusern oder an der maroden Infrastruktur.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass durch die Wehrpflicht junge Menschen später in den Beruf starten und später Steuern zahlen. In einem Szenario, in dem der gesamte Jahrgang (100%) eingezogen würde, beziffert das IFO-Institut den Verlust an Wirtschaftsleistung auf bis zu 70 bis 79 Milliarden Euro pro Jahr.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Wehrpflicht und die dadurch entstehende Militarisierung der Gesellschaft einige Gefahren mit sich bringen. Hinzu kommen der Eingriff in die persönliche Freiheit, die Reaktanz und die kurze Ausbildung. Interessant ist auch die relativ große Ablehnung der Bevölkerung, das Land militärisch (mit Waffen) zu verteidigen. Erschreckend erscheinen auch die hohen Kosten von ca. 140 Milliarden Euro für die Einführung der Wehrpflicht und den Verlust der Wirtschaftsleistung. Wollen wir diese Kosten tragen? Wir denken nicht.

Änderung des Wehrpflichtgesetzes: Männer zwischen 17 und 45 Jahren müssen Auslandsreisen grundsätzlich genehmigen lassen.

In Deutschland gibt es seit dem 1. Januar eine neue Regel, die viele Männer betrifft – auch wenn sie bisher kaum bekannt ist. Konkret geht es um Männer im Alter zwischen 17 und 45 Jahren. Diese sollen laut Wehrdienst-Modernisierungsgesetz vom 1. Januar 2026 längere Aufenthalte im Ausland vorher genehmigen lassen. Das Verteidigungsministerium hat allerdings klargestellt, dass aktuell niemand eine solche Genehmigung beantragen muss. Das bedeutet: Wer länger als drei Monate ins Ausland möchte, kann das derzeit weiterhin ohne Einschränkungen tun. Laut Gesetz ist zwar eine Genehmigung der Bundeswehr grundsätzlich vorgesehen, sie gilt aber in der gegenwärtigen Lage pauschal als erteilt. Zuständig wären im Ernstfall die sogenannten Karrierecenter der Bundeswehr.

Neu ist vor allem, dass diese Regel jetzt auch in Friedenszeiten gilt. Eine ähnliche Pflicht bestand bereits während des Kalten Krieges, sie hatte aber keine praktische Bedeutung, weil Verstöße nicht geahndet wurden. Auch jetzt seien Sanktionen, so SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius, vorerst nicht geplant.

Hintergrund der Anpassung des Wehrdienstgesetzes ist, dass der Staat besser planen möchte: Im Kriegsfall soll klar sein, welche Männer sich im In- bzw. Ausland befinden und eingesetzt werden könnten. Das wird auch als „Wehrerfassung“ bezeichnet. Die Ministeriumssprecherin sprach von „Vorsorge“ für den Fall, dass sich die Sicherheitslage verschlechtert. Sollte dies eintreten oder sich nicht genug Freiwillige für den Wehrdienst melden, könnte die Genehmigungspflicht wieder scharfgestellt werden.

Juristen sehen in der Genehmigungspflicht einen erheblichen Eingriff in die allgemeine Handlungsfreiheit nach Artikel 2 Absatz 1 Grundgesetz. Ihr eigentlicher Zweck — die Erreichbarkeit von Wehrpflichtigen sicherzustellen — gehe ins Leere, solange gar keine Wehrpflicht bestehe. Die Regel stehe damit verfassungsrechtlich „auf wackeligen Füßen“; sauberer wäre eine Klarstellung direkt im Gesetz statt nur per Verwaltungsvorschrift.

Eine erste Bilanz wird im Sommer erwartet, ein halbes Jahr nach Inkrafttreten der Reform. Dann soll sich zeigen, ob sich genügend Männer und Frauen freiwillig melden. In der Koalition gehen die Vorstellungen auseinander: Die Union setzt auf verpflichtende Elemente, die SPD auf Freiwilligkeit.

Wehrpflicht im Vereinigten Königreich

Israel, Gaza und die Ukraine – aktuell gibt es viele Konflikte und Kämpfe in nahen und fernen Ländern. Dadurch werden viele Fragen zu Verteidigungsmaßnahmen und damit auch zur Wehrpflicht gestellt. Sollte sie wieder eingeführt werden? Wenn ja, wie genau soll sie aussehen? In diesem Text stelle und erkläre ich die wichtigsten Fragen.

Wie würde Wehrpflicht in der Zukunft aussehen?

„Military Conscription“ oder „Compulsory Military Service“ gab es im Vereinigten Königreich erst zweimal: von 1916–1920 und von 1939–1960. [4] Es gibt viele Möglichkeiten, wie eine Wehrpflicht heute aussehen könnte, und da die jetzige Regierung nach eigener Aussage keine Pläne hat, diese wieder einzuführen [5], gibt es aktuell noch kein festes Konzept. Es gibt aber eines, das mit Abstand am meisten diskutiert wird. Die Grundidee wäre ein Jahr Wehrdienst. Das Besondere am Wehrdienst im Vereinigten Königreich ist, dass alle vier Länder zusammen die Menschen in eine große Armee (the British Armed Forces) einziehen. Du kannst den Wehrdienst natürlich auch verweigern; in der Ausgestaltung des Ersatzdienstes liegt der Hauptunterschied zu Deutschland. Im Vereinigten Königreich würde der „soziale Dienst“ (die Alternative zum Wehrdienst) aus ehrenamtlichen Tätigkeiten am Wochenende bestehen. Also müsstest du dich ein Jahr lang am Wochenende bei sozialen Einrichtungen wie zum Beispiel Altersheimen oder im Naturschutz engagieren.

Wie steht die Bevölkerung zur Wehrpflicht?

Obwohl das Vereinigte Königreich ein Staat ist, der aus mehreren Ländern (England, Schottland, Wales und Nordirland) besteht, ist die Meinung zur Wehrpflicht laut der aktuellsten Umfrage vom 28.5.2024 von YouGov [1] in den verschiedenen Ländern ziemlich einheitlich. 21 % sind stark dafür, 26 % sind eher dafür, 15 % sind eher dagegen und 30 % sind stark dagegen. Der Rest ist unentschlossen bzw. hat keine Meinung. Zu beachten ist, dass die Umfrage zeitlich nicht ganz aktuell ist, aber immer noch Aussagekraft hat, da einer der wichtigsten Punkte in der Wehrpflichtsdiskussion der Überfall Russlands auf die Ukraine ist und dieser zu diesem Zeitpunkt schon längst stattgefunden hatte (24.2.2022) [2]. Ebenfalls zu beachten ist, dass Veränderungen des Meinungsbildes möglich sind, aufgrund der politischen Entwicklungen, die in der zweiten, noch laufenden Amtszeit Donald J. Trumps entstanden sind, wie etwa die Drohung Amerikas, die NATO zu verlassen [3]. Interessant ist, dass Faktoren wie Geschlecht und sozialer Stand kaum Auswirkungen auf die Ergebnisse der Befragung hatten, im Gegensatz zum Alter. [1] Man kann im Grunde sagen, dass je älter die Befragten sind, desto eher sind sie für die Wehrpflicht, mit einer starken Ablehnungsrate von 45 % bei den 18–24-Jährigen und 18 % bei den über 65-Jährigen.

 

Männer müssen, Frauen dürfen – ist das noch fair?

In der Schweiz müssen fast alle Männer Militärdienst leisten, während Frauen selbst entscheiden dürfen. Dieses System sorgt bis heute für Diskussionen – vor allem, wenn es um die Frage der Fairness geht.

Die Wehrpflicht ist in der Schweizer Bundesverfassung (Art. 59) festgelegt. Sie besagt, dass alle männlichen Bürger verpflichtet sind, Militärdienst zu leisten. Frauen hingegen können freiwillig beitreten, sind aber nicht dazu verpflichtet. Wenn sie sich dafür entscheiden, haben sie laut dem Eidgenössischen Departement für Verteidigung (VBS) die gleichen Rechte und Pflichten wie Männer.

Bevor der Dienst beginnt, findet die sogenannte Rekrutierung statt. Dabei prüft die Schweizer Armee, ob eine Person körperlich und geistig für den Militärdienst geeignet ist. Dies geschieht durch verschiedene Tests, etwa in den Bereichen Fitness, Gesundheit und Persönlichkeit. Am Ende wird entschieden, ob jemand Militärdienst leistet, Zivildienst macht oder dem Zivilschutz zugeteilt wird.

Viele Rekruten können Wünsche äußern, zum Beispiel für bestimmte Funktionen wie Sanität, Logistik oder Infanterie. Diese Wünsche werden nach Möglichkeit berücksichtigt, jedoch hat der Bedarf der Armee Vorrang.

Nicht alle möchten Militärdienst leisten. Deshalb gibt es den Zivildienst als Alternative. Dieser dauert etwa eineinhalbmal so lange wie der Militärdienst, also rund 367 Tage. Viele leisten ihren Dienst in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder im Umweltschutz. Auch der Zivilschutz ist eine Möglichkeit: Dort helfen Teilnehmende zum Beispiel bei Naturkatastrophen oder anderen Notlagen.

Die Dienstpflicht erstreckt sich über mehrere Jahre. Die meisten Männer sind mit etwa 30 Jahren fertig, Offiziere oft erst mit 34 oder 36. Im Zivilschutz kann die Pflicht sogar bis etwa 40 Jahre dauern.

Die Meinungen zur Wehrpflicht gehen auseinander. Befürworter sagen, sie sei wichtig für die Sicherheit und den Zusammenhalt des Landes. Kritiker hingegen bemängeln, dass nur Männer verpflichtet sind und Frauen frei entscheiden können. Sie sehen darin eine Ungleichbehandlung.

Insgesamt zeigt sich: Die Wehrpflicht in der Schweiz ist ein besonderes System mit klaren Regeln, aber auch Kritikpunkten. Ob sie in Zukunft verändert wird – zum Beispiel durch eine Pflicht für alle oder eine Abschaffung – bleibt eine offene und viel diskutierte Frage.

Nepals Gen Z proteste- ein Land am Wendepunkt

Am 4. September 2025 wurden von der Regierung in Nepal 26 Social Media Plattformen verboten. Die Regierung hat dies laut ihnen getan, da diese Plattformen nicht ordnungsgemäß registriert sind. Trotzdessen wurde diese Aktion von der Mehrheit der Bevölkerung als Einschränkung der Meinungsfreiheit und der Erstickung von Kritik an die Regierung angesehen. Was dann zwischen dem 8-12 September für Massenproteste der Gen z führte.

Der erste Protest 08.09.2025

Am 8.September gingen tausende Schüler*innen und Studenten*innen auf die Straßen, um vor dem Bundesparlament, hauptsächlich gegen das Verbot von 26 Social Media Plattformen, aber auch gegen die Massenarmut und Korruption in Nepal zu demonstrieren. Zu Anfang war dies ein friedlicher Protest, doch änderte sich das schnell, als Sicherheits-Barrikaden nicht eingehalten wurden. Die Polizei reagierte mit Tränengas, Wassergeschossen und auch mit Gummimunition, was dann zu härterer Munition wurde. Durch diese gewalthaften Massnahmen sind laut Berichten mindestens 19 Menschen zum Opfer gefallen, hunderte wurden verletzt. (Noch an diesem Tag wurde das Verbot der Social Media Plattformen aufgehoben.)

09.09.2025

Am 09. resultierte dies in eine Hetzjagd auf verschiedene Politiker*Innen wie zum Beispiel auch Bishu Prasad Paudel, den Finanzminister und stellvertretenden Premierminister. Dieser wurde mutmaßlich verprügelt und bis auf die Unterhose und einem Motorrad Helm ausgezogen und dann von jungen Protestant*innen in einen Fluss getrieben. Es blieb aber nicht nur bei einer Hetzjagd, denn die Protestierenden zündeten verschiedene Gebäude an, wie zum Beispiel das Haus des Finanzministers, das Singha dubar, welches das administrative Zentrum der nepalesischen Regierung war (welches niederbrannte) und diverse andere Regierungsgebäude. Am selben Tag trat der Premierminister K.P. Sharma Oli, der Landwirtschaftsminister, der Gesundheitsminister und 21 Abgeordnete der Rastriya-Swatranta-Partei offiziell zurück. Diese Reaktion und der schnelle Rückzugs des Social Media Verbots zeigt, wie schnell und wie viel Druck die Proteste in kurzer Zeit auslösen konnten. Ein Aspekt der hinzukommt ist die Nutzung sozialer Medien, überall kursieren Videos von Protestant*innen und brennenden Gebäuden herum, was noch einmal mehr Aufmerksamkeit einbrachte, besonders eben bei jüngeren Menschen. Genau diese haben sich dann “inspirieren” lassen von dem Geschehen in Nepal, wie zum beispiel Madagascar, die militant gegen Wasser- und Stromausfälle protestierten oder Peru, die gegen die damalige, aktuelle und die darauffolgende Regierung protestieren.

10.09.2025

Am Mittwoch, dem dritten Tag der Protesten, rief das Militär aufgrund von in Kathmandu und diversen anderen Städten wie Birgunj oder Butwal steigenden Gefahren, eine allgemeine Ausgangssperre aus, die dann bis zum 11.09. anhalten sollte.

12.09.2025

Am 12. September haben etwa 160.000 Jugendliche auf dem Gaming-Kommunikationsportal Discord die neue und erste Premierministerin Nepals, Sushila Karki, gewählt. Diese war zuvor die Oberste Richterin Nepals gewesen. Da sie jetzt  die führende Person der Übergangsregierung ist, hat sie Neuwahlen für den 5.3.2026 angesetzt, dadurch möchte sie den politischen Übergang abschließen. Und so finden die “Gen- Z -Proteste” ihr Ende. Sie markieren den Beginn einer neuen Regierung, die aus einer von Jugendlichen getragenen Revolution hervorgegangen ist. Ob die von Sushila Karki geführte Übergangsregierung ihre Versprechen einlösen wird, wie die Aufarbeitung der Gewalt und Zerstörung während der Proteste und die Eindämmung der Korruption wird sich erst mit der Zeit zeigen. Sicher ist aber, dass Nepals Jugend in nur wenigen Tagen einen bedeutenden Wendepunkt in der Geschichte ihres Landes geschaffen hat.

 

Gymnasium Horn wird Europaschule: Eine Feier des Engagements für Europa

Ein Tag voller Begegnungen, Projekte und europäischer Perspektiven 

 

Bremen, 12. Juni 2025 – Mit einer eindrucksvollen Zeremonie im Bremer Rathaus hat das Gymnasium Horn einen bedeutenden Meilenstein erreicht: Die Schule wurde offiziell zur „Europaschule“ zertifiziert. Die Zertifizierung begann am 14. März 2025 mit einem eindrucksvollen Empfang durch die Jury, die sich selbst ein Bild vom europäischen Engagement der Schule machen wollte. Bereits der Auftakt machte deutlich, dass das Gymnasium Horn nicht nur in Worten, sondern auch im Handeln europäisch denkt.

Vor dem Eingang der Schule wurden die Jurymitglieder zunächst mit einer kreativen Tanzchoreografie empfangen, die den europäischen Kontinent darstellt. Schülerinnen und Schüler formten mit Bewegung, Landkarten und Musik eine lebendige Europa-Karte, in der Vielfalt, Zusammenhalt und kulturelle Verbundenheit künstlerisch dargestellt wurden. Es war ein lockerer, kreativer Auftakt zu einem sehr Europäischen Nachmittag.

Im Anschluss öffneten sich für die Jury die Türen zu den Projektständen, an denen die zahlreichen europäischen Initiativen der Schule vorgestellt wurden. Schülerinnen und Schüler haben die Stände in den Wochen vor der Begehung, die Stände eifrig vorbereitet und haben dabei viele Kreative Ideen erarbeitet. Besonders gut kam die Britische Tee Zeremonie an, aber auch ein Hörspiel des Europawettbewerbs, sowie zahlreiche Interviews und Infoboards haben bei der Jury hohe Anerkennung gefunden.  Die Schülerinnen und Schüler haben mit kräftigen Engagement die Stände betreut und vorbereitet. Sie haben somit der Jury auch bewiesen, dass das Gymnasium Horn laut Frau Dr. Pätzold (Leiterin am Gymnasium Horn für Europaschule) „Seinen Beitrag zu Europa leistet“. 

Ein besonderer Programmpunkt war die Debatte im Horner Loch der Resilienz AG zur Frage, ob das Gymnasium Horn künftig den Namen „Gymnasium Simone Veil“ tragen solle – benannt nach der französischen Holocaust-Überlebenden, Juristin und ehemaligen Präsidentin des Europäischen Parlaments. Die Diskussion wurde von Schülerinnen und Schülern moderiert und geführt. Die Debatte wies ein beeindruckendes Niveau an Debattierfähigkeit bei den Schülerinnen und Schülern auf. Während die eine Seite betonte, dass ein neuer Name ein starkes Zeichen für europäische Werte und die Rolle der Frauen in der Geschichte setzen könne, hielt die andere Seite an der regionalen Identität des bisherigen Namens fest. Auf eine Seite konnte man sich am Ende nicht einigen. Diese Entscheidung liegt jetzt tatsächlich bei den Delegierten der Schulkonferenz, wo über den Antrag der Resilienz AG auf Umbenennung abgestimmt wird. 

Den kulinarischen Abschluss bildete ein großes europäisches Buffet, bei dem Spezialitäten aus ganz Europa angeboten wurden, von Sardinen aus Portugal bis zu Französischen Crêpes war alles dabei – liebevoll zubereitet von Eltern und Schülern und Schülerinnen. Das Buffet war ein Europa zum Schmecken mit Begegnung durch gemeinsames Essen und kulturellen Austausch.

Was bedeutet es jetzt aber „Europaschule“ zu sein?

Der Titel „Europaschule“ ist mehr als nur ein Aushängeschild – er verpflichtet das Gymnasium Horn zu einem umfassenden europäischen Bildungsauftrag. Schulen mit diesem Titel zeigen besonderes Engagement in den Bereichen Mehrsprachigkeit, interkulturelle Bildung, Demokratieerziehung und internationale Zusammenarbeit.

Für die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Horn ergeben sich daraus diese konkreten Vorteile:

  1. Gute Perspektive auf die Zukunft: Neben dem gewöhnlichen Fremdsprachenunterricht profitieren die Schülerinnen und Schüler schon durch Angebote wie das Abibac oder CertiLingua von besonderen Sprachförderungen, die später den Zugang zu europäischen Universitäten und Arbeitsmärkten vereinfachen. Mit dem Zertifikat „Europaschule“ könnten jetzt noch weitere Programme an die Schule kommen, welchen mehr Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit gibt, international zu studieren.
  2. Stärkere Förderungen von Austauschprogrammen: Regelmäßige Begegnungen mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern, wie beispielsweise nach Paris, schärfen bei den Schülerinnen und Schülern das Verständnis für andere Lebensrealitäten und stärken Toleranz und Empathie. Das kann mit dem Zertifikat „Europaschule“ am Gymnasium Horn stärker gefördert werden und gibt somit mehr Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit auf einen Austausch, wie zum Beispiel nach Paris.
  3. Projektförderungen: Mehr Projekte am Gymnasium Horn zu Wahlen, Menschenrechten oder europäischer Politik, werden erforderlich, um dem Titel „Europaschule“ gerecht zu bleiben. Um die Förderung des politischen Bewusstseins und der ermutigung seiner Schülerinnen und Schüler, sich aktiv in gesellschaftliche Prozesse einzubringen aufrechtzuerhalten – lokal wie in Europa.

 

Mit der Auszeichnung als Europaschule verpflichtet sich das Gymnasium Horn zusammenfassend dazu, die Schülerinnen und Schüler nicht nur auf das Abitur, sondern auch auf ein Leben als verantwortungsbewusste europäische Bürgerinnen und Bürger vorzubereiten.

Europa lebt – und am Gymnasium Horn wird es jetzt mehr gestaltet, denn je.

 

 

Wie sich der heutige Antisemitismus zeigt

Levin: Die erste Frage, die ich mir gestellt habe, ist: Was sind emanzipatorische Subkulturen? Welche konkreten Beispiele fallen euch dazu ein?

Nicholas: Wir wollten im Grunde verstehen, wie es kommt, dass ausgerechnet Leute oder Gruppen, die sich eigentlich für die Guten halten – die sehen sich auf der richtigen Seite der Geschichte, die sind progressiv, viele verstehen sich als links oder liberal –, sich immer wieder antisemitisch oder judenfeindlich äußern. Der Begriff „Emanzipation“ hat auch viel mit Befreiungskämpfen zu tun. Also zunächst zum Beispiel feministische Bewegungen, die für das Wahlrecht für Frauen gekämpft haben, später aber auch die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Und das ist der rote Faden durch diese Szenen, die wir in unserem Buch beschreiben. Die alle wollen in irgendeiner Weise für eine bessere, fairere Gesellschaft kämpfen, nur haben sie immer wieder einen blinden Fleck, und zwar wenn es um das Thema Antisemitismus geht. Was wir mit dem Buch fordern ist, dass sie wenigstens konsequent sind und auch Judenhass berücksichtigen, wie sie es mit Sexismus oder Queerfeindlichkeit tun.

Stefan: Beispiele für emanzipatorische Bewegungen, die wir angeschaut haben, sind Fridays for Future und die queere Bewegung. Wir betrachten auch die Klubkultur, HipHop, Hardcore und Punk. Außerdem nehmen wir feministische und antirassistische Bündnisse in den Blick.

Levin: Ihr hattet bei der Buchvorstellung darüber geredet, dass es berechtigt ist, Israel für sein Handeln zu kritisieren. Doch ab wann überschreitet „Israel-Kritik“ die Grenze zum Antisemitismus?

Nicholas: Es kommt darauf an, was genau kritisiert wird. Kritisiert man die Handlung dieser oder jener israelischen Regierung, ist man konkret und sachlich mit der Kritik und kann man diese mit der Kritik von anderen Ländern und Regierungen vergleichen? Oder hat man es mit einer sehr einseitigen Dämonisierung zu tun, die immer wieder bestimmte Metaphern benutzt, welche aus der langen Geschichte des Antisemitismus bekannt sind? Zum Beispiel die Israelis als Teufel, als Ratten oder der einzige jüdische Staat der Welt als eine Art dämonisches Land, das der Inbegriff des Bösen ist. Es kommt immer auf die Frage an, wie man kritisiert, mit welcher Wortwahl, ist es angemessen für die Situation? Oder hat es etwas mit einer pauschalen Ablehnung des Staates zu tun? Sehr oft hört man den Begriff „Israelkritik“. Es geht nicht darum, irgendetwas bestimmtes zu kritisieren, sondern an sich, die bloße Existenz, allein dadurch, dass es diesen einzigen jüdischen Staat der Welt gibt.

Stefan: Ein praktisches Werkzeug, um herauszufinden ob meine Israelkritik nicht doch Antisemitismus ist, ist der sogenannte 3D-Test. Die drei D‘s stehen für Dämonisierung, doppelte Standards und Delegitimierung. Sprich wird Israel dämonisiert, also als das ultimativ Böse dargestellt, als Wurzel allen Übels. Bei den doppelten Standards ist die Frage, ob an Israel andere Standards angelegt werden als an andere Länder. Und die Delegitimierung ist die Infragestellung des Existenzrechts von Israel als solches, als Land. Wenn das zutrifft, wenn diese D‘s da irgendwie drin sind, in der Israelkritik, dann ist sie eben doch antisemitisch.

Levin: Reicht ein D oder müssen es alle drei sein?

Stefan: Das würde ich unterschiedlich bewerten, es kommt drauf an. Wenn ich das Existenzrecht Israels abspreche, dann ist es eben schon in der Regel antisemitisch. Und genauso auch bei der Dämonisierung. Also ja, es reicht auch schon ein D. Je mehr D‘s, desto problematischer.

Milan: Wo liegt der Unterschied zwischen dem Antisemitismus von 1933 und heutzutage?

Nicholas: Antisemitismus fängt nicht erst bei Auschwitz an. Ich glaube, viele Leute denken an eines der schrecklichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte gegen Juden und denken, dass alles was drunter fällt nicht antisemitisch ist. Seit dem Nationalsozialismus wollen die allerwenigsten Antisemiten sein. Erwiesene Rechtsextreme sind vor Gericht gezogen, um sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus zu verteidigen. Das bedeutet, dass heutzutage der Antisemitismus oft Umwege sucht. Man redet heutzutage ungern oder nicht so offen über „die Juden“. Das heißt aber nicht, dass man nicht auch antisemitisch ist. Heutzutage wird zum Beispiel wahlweise von den bösen Israelis oder von den Globalisten oder Zionisten schwadroniert. Und in allen Fällen sind diese Begriffe oft stellvertretend für „die Juden“, gemeint ist aber dasselbe. Also oft diese Narrative, die Juden seien besonders rachsüchtig, hinterlistig, verfolgen einen bösen Plan. Das gab es schon bei den Nazis, das sieht man aber heutzutage in anderer Form. Wenn man zum Beispiel sagt, die Zionisten seien all diese Dinge und mehr.

Stefan: Genau, und Antisemitismus fängt eben, wie gesagt, nicht bei Auschwitz an, auch weil der moderne Antisemitismus, den wir heute erleben oder auch dieser eliminatorische Antisemitismus der Nationalsozialisten baut auf dem Antijudaismus auf. Er ist sozusagen eine „logische“ Schlussfolgerung aus dem Antijudaismus des Christentums, den es schon seit über 2000 Jahren gibt. Die ersten belegten größeren Pogrome gegen Juden waren tatsächlich christliche. Und zwar zu dem Zeitpunkt, als das Christentum römische Staatsreligion geworden ist, gab es kurze Zeit später das erste Pogrom im heutigen Syrien. Dieses basiert auf einer Erzählung, die genau die gleiche ist, wie wir sie heute noch hören. Nämlich die Behauptung, dass Kinder ermordet worden seien. Und die Person, die damals dazu aufgestachelt hat, war der Bischof von Rakka. Also eine sehr hohe Person in der Kirchenhierarchie, der bis heute als Kirchenvater gilt, also als ganz zentrale Figur in der katholischen Kirche, verantwortlich für das erste jüdische Pogrom.

Maja: Seht ihr Unterschiede des Antisemitismus seit dem siebten Oktober?

Nicholas: Eine große Erscheinungsform von Antisemitismus seit dem siebten Oktober ist aus meiner Sicht vor allem eine fehlende Empathie. Zum Beispiel wenn israelische Zivilisten angegriffen werden, wenn sie gefoltert werden oder als Geiseln nach Gaza geschleppt werden oder einfach nur ermordet werden, darunter auch israelische Frauen und Kinder. Wenn man nicht in der Lage ist, irgendein Mitleid mit denen zu zeigen, nur weil die Israelis oder jüdisch sind, dann ist das für mich schon Antisemitismus. Und diese fehlende Empathie hat mich ziemlich überrascht. Ich hätte gedacht, dass bei so einem schlimmen Massaker, wie es die Hamas am siebten Oktober angerichtet hat, viel mehr Leute Anteilnahme, Solidarität oder auch Verständnis zeigen würden. Aber klar wurde: Für viele Leute ist und bleibt Israel der Endgegner und immer Täter, niemals Opfer und das finde ich sehr problematisch.

Stefan: Ja, und vor allen Dingen eben, wenn man mit Blick auf diese Szenen, die wir anschauen, also auf die emanzipatorischen Szenen, wo es sehr wichtig ist, den Opfern zuzuhören und auch den Opfern generell so zu glauben. Beispielsweise, wenn es um sexualisierte Gewalt, um sexuellen Missbrauch geht, dann ist es selbstverständlich für uns in diesen Szenen, dass man sagt: Natürlich glauben wir den Frauen, denen das passiert ist und die das sagen. Aber es zeigt sich, wir glauben diesen Frauen scheinbar nur so lange, dass es keine Jüdinnen sind. Denn wenn es um sexualisierte Gewalt der Hamas geht, dann wird es in Frage gestellt, was die betroffenen Frauen erzählen und das, finde ich, ist eine Schande.

Levin: Wir sind ja eine Schülerzeitung. Wie können Schulen gegen einen solchen Antisemitismus vorgehen?

Nicholas: Ich glaube, Bildung ist natürlich sehr wichtig. Sich mit der Thematik auseinandersetzen, vielleicht auch Bücher oder Zeitungsartikel zum Thema Antisemitismus lesen. Ich glaube, viele meinen ganz genau aus dem Bauchgefühl heraus zu wissen, was Antisemitismus ist und was nicht, aber das alleine reicht nicht aus. Man muss sich ernsthaft mit der Materie auseinandersetzen und im besten Fall auch das Gespräch suchen, falls ihr jüdische Kommilitonen habt. Gleichzeitig ist es auch wichtig zu betonen, dass das für viele Juden ein sehr sensibles Thema ist, also niemand schuldet euch eine Antwort und es kann vielleicht auch unpassend sein, jüdische Kommilitonen aufzufordern, euch plötzlich über Antisemitismus aufzuklären. Also natürlich nur, wenn das von denen auch gewollt ist. Aber es gibt auch viele Möglichkeiten in Kontakt und ins Gespräch zu kommen mit der jüdischen Community in Deutschland.

Stefan: Und ich glaube, wichtig ist auch zu erkennen, dass Antisemitismus, der Hass auf Juden, ein komplexes Thema ist. Genauso ist der sogenannte Nahost-Konflikt, also der Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern ein komplexes Thema. Ich finde es super wichtig, sich diese Komplexität nicht ausreden zu lassen. Denn das ist, glaube ich, so eine Sache, die viele Aktivisten versuchen. Das versucht wird zu sagen: „Das ist eigentlich gar nicht so kompliziert, da gibt es nur die Guten und da gibt es nur die Bösen. Und die Guten, das sind die Palästinenser und die Bösen, das sind die Israelis“. Und so einfach ist die Geschichte einfach nicht. Das ist, glaube ich, total wichtig und da kann ich auch nur nochmal bekräftigen, was Nicholas gesagt hat. Es geht da auch um so eine Informations- und Medienkompetenz. Es ist wichtig, auch mal Theorie zu lesen oder auch mal einen Text zu lesen. Die Informationen, die man selber konsumiert, nicht so verkürzt zu konsumieren. Klar kann man auch Inspiration in vielen Dingen finden, auf Instagram, auf TikTok oder wie auch immer. Aber ich glaube, man muss einfach sehen, dass viele Informationen, die man da hat, oft ein bisschen verkürzt sind und einfach nicht das ganze Bild zeigen. Ich glaube, gerade wenn man auf diesen Konflikt und auf Antisemitismus schaut, ist es wichtig, ein großes Bild zu haben, um sich eine Meinung bilden zu können.

Levin: Wir bedanken uns bei Stefan Lauer und Nicholas Potter für das Interview.

 

Das Parteienverbot – Eine Erscheinung der Neuzeit?

In den letzten Monaten wurde in Bezug auf rechtsextreme Äußerungen von AfD-Mitgliedern immer wieder über ein Parteienverbot diskutiert. Doch wo hat es seinen Ursprung?

Es wird in Diskussionen immer wieder aufgezeigt, dass das Parteienverbot ein Zeichen der neuen, wehrhaften Demokratie sei. Doch ist es eine neue Erscheinung? Dem kann man getrost entgegnen: „Nein!“ Die ersten Ansätze gehen bereits auf das Jahr 1878 zurück, in dem Otto von Bismarck das sogenannte Sozialistengesetz verabschiedete. Dabei handelte es sich um ein Gesetz, welches Versammlungen und insbesondere Parteien mit sozialistischem Hintergrund verbot. Das Gesetz wurde zwar aufgehoben und die Parteien formierten sich erneut, jedoch wird es auch von Deutschlandfunk Kultur als erster Ansatz eines Parteienverbots gesehen. Das „Sozialistengesetz“ hatte zwar keine Beständigkeit und führte am Ende zu Bismarcks Abdanken, jedoch zeigte es zum ersten Mal eine realistische Umsetzungsweise eines Parteienverbots.

Dieser Gedanke blieb erhalten. In der Weimarer Republik wurde er dann zu einer tatsächlichen Wirklichkeit. Parteien konnten rechtskräftig verboten werden, jedoch behielten die gewählten Kandidaten der Parteien ihren Platz im Parlament, als gewählte Vertreter des Volkes. Was keiner der damaligen Gesetzeshüter ahnen sollte war, dass das Parteienverbot noch eine prominente Stellung einnehmen würde. Nach dem Hitlerputsch 1923 wurde die NSDAP verboten, jedoch gab es eine Schwachstelle: Die Parteienverbote hatten bundesweit keine Gültigkeit. So gelang es der NSDAP, das Parteienverbot auf geschickten Wegen zu umgehen. Mit der Auflösung der Gewaltenteilung gelang es der NSDAP später, alle Parteien zu verbieten – außer sich selbst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Angst vor einer erneuten Machtübernahme konkret benannt und bearbeitet, indem ein bundesweit gültiges Parteienverbot eingeführt wurde. Somit erhielten wir das heute gültige Gesetz zum Parteienverbot. Doch wie sieht es aus?

Nach Artikel 21 Absatz 2 des Grundgesetzes Parteien für verfassungswidrig erklärt, wenn sie “[…] darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden”. Dazu reicht es nicht, dass sich lediglich die Meinung gegen die Verfassung richtet. Sie muss „vielmehr planvoll das Funktionieren der freiheitlichen demokratischen Grundordnung beseitigen wollen“, so das Bundesministerium des Innern und für Heimat. Sollte dies festgestellt werden, kann ein Verbotsverfahren vom Bundestag, dem Bundesrat oder der Bundesregierung beantragt werden. Dieses wird anschließend vom Bundesverfassungsgericht geprüft, sodass nach Feststellung der Richtigkeit des Antrages die Partei verboten wird. Bei einem Parteiverbot verlieren die Abgeordneten der Partei ihre Sitze, welche danach unbesetzt bleiben.

Schlussendlich lässt sich nach dem Festgestellten sagen, dass das Parteienverbot sowohl zum Schutz, als auch zum Sturz der Demokratie verwendet wurde. Aber gleichzeitig können wir darlegen: Das Parteienverbot ist keine Erscheinung der Neuzeit.

Thomas Röwekamp, wie wird man Bundestagsabgeordneter?

Drei Schülerzeitungsredakteur/innen konnten Thomas Röwekamp einige Fragen stellen. Er ist Abgeordneter der CDU und für Bremen im Bundestag und ist im Verteidigungsund Untersuchungsausschuss Afghanistan tätig und Berichterstatter für alle maritimen Themen.

 

Schülerzeitung: Stellen Sie sich bitte einmal vor.

Thomas Röwekamp: Mein Name ist Thomas Röwekamp, ich bin 57 Jahre alt, verheiratet, drei erwachsene Kinder, die alle noch in der Ausbildung sind, wohne in Bremen und bin für die Bremer CDU der einzige Bundestagsabgeordnete. Ich bin Mitglied im Verteidigungsausschuss, Berichterstatter für alle maritimen Themen, aber auch im Untersuchungsausschuss Afghanistan. In meinem zivilen Leben bin ich Rechtsanwalt.

Warum sind Sie Politiker geworden?

Das ist schon lange her, aber ich erinnere mich noch genau: Ich habe mich über meine Arbeit in der Schülervertretung für Politik interessiert. Damals gab es eine Menge schulpolitische Themen, insbesondere Schulschließungen in Bremerhaven waren damals ein Thema. Dann gab es eine Reform der gymnasialen Oberstufe, es gab die sogenannte Orientierungsstufe und es gab unterausgestattete Bildungsinfrastrukturen. So bin ich über die Bildungspolitik in die Politik gekommen. Über die Arbeit in der Schülervertretung wollte ich dann einer Partei beitreten und mich orientieren. Ich habe mich umgehört, welche Partei am ehesten in Frage kommt und so bin ich zur CDU gekommen.

Was machen Sie als Bundestagsabgeordneter?

Es gibt eigentlich drei Tätigkeiten. Die eine ist, dass ich Vertreter der beiden Wahlkreise Bremens im deutschen Bundestag bin.

Das zweite Thema ist, dass ich Politik auch so verstehe, dass man eine fachliche Zuständigkeit hat. Bei mir ist es der Verteidigungsausschuss und im Verteidigungsausschuss sind es eben bestimmte Themen. Ich bin Berichterstatter für alles, was die Marine betrifft, ich kümmere mich da allerdings auch um regionale Themen, ich bin zum Beispiel Berichterstatter für den Nahen Osten und deswegen gerade sehr viel mit dem Thema Angriff der Hamas auf Israel beschäftigt. Es gibt bestimmte Themen, wo ich sage, da bin ich Bundestagsabgeordneter, da bin ich nicht nur für meinen Wahlkreis verantwortlich und verpflichtet, sondern habe eine nationale Aufgabe. Und ich verstehe mich auch als Mittler, also alles, was hier in Berlin passiert, worüber die Menschen reden, das auch nach Bremen zu transportieren und an Veranstaltungen teilzunehmen, meine politischen Überzeugungen zu vertreten, dafür zu werben aber auch andere Politikfelder zu erklären und umgekehrt natürlich die Anliegen, die an mich herangetragen werden, entsprechend hier in Berlin weiterzutragen und mich darum zu kümmern.

Wie wird man Bundestagsabgeordneter?

Formal gibt es einen Weg. Es steht jedem volljährigen Deutschen frei, sich für den deutschen Bundestag zu bewerben. In der Regel geht das über politische Parteien. Wir in Deutschland haben uns mit dem Grundgesetz bewusst für eine sogenannte Parteiendemokratie entschieden. Das heißt, die Parteien wirken an der Willensbildung in politischen Fragen mit und sind ein Teil unserer Institution. Deswegen ist der erste Schritt, wenn man sich politisch engagieren will, dass man eine Partei findet. Dann kann man sich in der Partei engagieren und sich um Mandate bewerben. Aber am Ende stellen immer Parteien Kandidatenlisten auf, sowohl für den direkten Wahlkreis als auch für die Liste der jeweiligen Partei für Wahlen und darum kann man sich bewerben. Wenn man parteiintern ausgewählt ist, bemüht man sich eben, im Wahlkampf, im Wettbewerb mit den Vertretern der anderen Parteien, um das Mandat und wenn das dann erfolgreich ist, wird man Abgeordneter.

Was verdient ein Bundestagsabgeordneter und wie unterscheiden sie sich zwischen verschiedenen Abgeordneten bzw. wie wird das festgelegt?

Die Entschädigung für Bundestagsabgeordnete orientiert sich an der Entschädigung für Richterinnen und Richter an obersten Gerichten. Das ist eine bewusste Entscheidung gewesen, dass man gesagt hat, das sind ja unterschiedliche Gewalten und das soll sich irgendwie im Kräfteverhältnis widerspiegeln und deswegen ist die Vergütung ähnlich geregelt. Zurzeit verdient ein Bundestagsabgeordneter Brutto ungefähr 10.600 Euro im Monat. Und danach bekommt man noch eine gewisse Infrastruktur bezahlt, also Geld für Mitarbeiter, Büroausstattung und einen Mehraufwand, weil man einen zweiten Wohnsitz in Berlin hat.

Wie oft sind sie in Berlin?

Im Prinzip jede zweite Woche. Wir haben immer Sitzungswochen und sitzungsfreie Wochen. Das soll ermöglichen, dass in unserem System, wo Abgeordnete einerseits die Aufgabe haben, sich hier in Berlin in den Gremien, im Bundestag, in den Ausschüssen um die inhaltliche Arbeit zu kümmern. Es soll aber auch die Bindung der Abgeordneten aus der Gegend, aus der sie kommen, stärken und deswegen gibt es immer eine Sitzungswoche in Berlin, in der alle Sitzungen sind, das Plenum und parallel die Ausschüsse tagen und es gibt die Arbeitsgruppensitzungen. So eine Woche wechselt sich dann mit einer Woche ab, die man frei hat und im Wahlkreis unterwegs ist. In meinem Fall eben Bremen, man hat da Termine und kümmert sich um seine Aufgaben.

Die Interviewer zusammen mit Herrn Röwekamp vor der Kuppel des Bundestages.

Wie kommen Sie von Berlin nach Bremen?

Ich fahre beide Strecken nur mit dem Zug. Ich bin insgesamt glaube ich dreimal mit dem Auto gefahren, aber nur, weil wir die Möbel und so hin und her transportieren mussten, als wir in Berlin eine Wohnung gesucht haben.

Sie waren Senator für Inneres und Sport in der Landesregierung von Bremen. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht und wie hat das sich auf Ihre politische Laufbahn ausgewirkt?

Das ist die dritte Säule, die Exekutive, also die Seite der Verwaltung. Das ist schon eine wichtige Erfahrung für mich gewesen, weil man auf der einen Seite natürlich das kennt, was man kontrolliert. Abgeordnete haben auch den Auftrag, das, was die Regierung macht, zu kontrollieren, dazu Verbesserungsvorschläge zu machen, sich dazu eine Meinung zu bilden und der Regierung Aufträge zu geben, worum sie sich kümmern soll. Wenn man dann einmal auf der anderen Seite gewesen ist und sozusagen weiß, was da für Aufträge kommen und wie die verarbeitet werden, das macht das Wissen breiter. Das zweite ist, dass das natürlich eine bestimmte Führungserfahrung ist. Wenn man einmal Senator gewesen ist, hat man auch personelle Verantwortung gehabt für einige tausend öffentlich Beschäftigte, also all diese Themen, mit denen sich eben ein Regierungsmitglied beschäftigen muss. Und das ist ein breiter Erfahrungsschatz, man weiß, wie Behörden funktionieren, kennt bestimmte Sachverhalte und die Quellen. Es hat sich auf jeden Fall für mich gelohnt, das waren vier wertvolle Jahre.

Sie waren auch stellvertretender Bürgermeister in Bremen. Wie ist die Arbeit in der Bremischen Bürgerschaft und wie unterscheidet sie sich genau von ihrer jetzigen Arbeit?

Die Arbeit im Landtag ist von der Grundstruktur der Aufgaben die gleiche. Man muss allerdings sagen, dass die Themen andere sind. Im Landesparlament, in der Landesregierung geht es im Wesentlichen um lokale Themen, das Land ist nach dem Grundgesetz ja für bestimmte Bereiche zuständig, beispielsweise für Bildung, für innere Sicherheit, also Polizei und Verfassungsschutz und auch für soziale Daseinsfürsorge. Allerdings haben wir in Bremen 84 Landtagsabgeordnete, in Berlin sind wir 736. Das ist natürlich auch eine andere Dimension, man arbeitet hier auch anders. Alle Gremien sind größer, jeder Ausschuss ist größer, die Fraktionen sind größer, das Plenum ist größer, das ist eine andere Arbeitsatmosphäre. Was mich am meisten überrascht hat ist, dass es hier in Berlin eine völlig andere Diskussionskultur gibt. Also in Bremen kenne ich das so, dass man im Parlament mit Rede und Widerrede um die besten Argumente streitet und auch ein bisschen versucht, den anderen zu überzeugen. Hier ist alles sehr formalisiert, in der Regel darf man drei Minuten reden, was natürlich oft eine sehr große Herausforderung ist.

Sie haben schon in vielen Projekten mitgearbeitet, auf welches sind Sie besonders stolz?

Ehrlich gesagt bin ich am meisten stolz auf den sogenannten Bremer Bildungskonsens. Ich habe ja vorhin über die Zeit erzählt, wo ich angefangen habe, mich politisch zu engagieren, da war Bildungspolitik stark ideologisiert. Da gab es eben diejenigen, die waren uneingeschränkt nur für die Gesamtschule und wollten alle Gymnasien abschaffen, möglichst lange gemeinsames Lernen. Und dann gab es welche wie wir, die gesagt haben, wir sind eigentlich im Prinzip für ein gegliedertes Schulsystem. Dann gab es immer unterschiedliche Regierungen und jede hat sich immer probiert und am Ende hatten wir in Bremen glaube ich vierzig unterschiedliche Schulformen. Und ich habe damals den Bremer Bildungskonsens initiiert, weil ich gesagt habe, ich möchte nicht länger über Strukturfragen streiten, sondern ich möchte gemeinsam dafür sorgen, dass wir einmal eine Struktur überparteilich verabreden und so dann eine bessere Schule organisieren. Und den haben andere Bundesländer teilweise nachgemacht und ich würde sagen, das ist etwas, wo ich besonders stolz drauf bin, weil es ihn heute noch gibt und wovon ich noch heute überzeugt bin, dass es gut ist, Bildungspolitik nicht mit ideologischen Scheuklappen zu machen, sondern das gemeinsam zu machen und darüber zu streiten, wie man eigentlich in der Struktur bessere Schule machen kann.

Was ist Ihrer Meinung nach momentan die größte Herausforderung in der Politik?

Also da würde ich jetzt mittlerweile zwei Dinge sagen.

Früher hätte ich immer gesagt: Bildung, Bildung, Bildung. Ich werbe sehr dafür, dass wir in Deutschland von diesem Bildungsföderalismus wegkommen, wo wir 16 unterschiedliche Systeme, 16 unterschiedliche Ausstattungen und leider am Ende eben auch 16 unterschiedliche Bildungserfolge in den Bundesländern haben. Ich glaube nicht, dass Kinder schlauer sind, weil sie aus einem bestimmten Bundesland oder gut situierten bildungsaffinen Familien kommen, sondern, dass alle Kinder unterschiedliche Begabungen und Fähigkeiten haben. Der Auftrag eines staatlichen Bildungssystems ist eigentlich, diese Talente zu erkennen und optimal zu fördern und sich bestmöglich um das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler zu kümmern. Hinzu kommt, dass das Wissen in euren Köpfen die wichtigste Ressource ist, die wir in Deutschland haben, und wovon unsere ganze Leistungsfähigkeit abhängt. Deswegen finde ich das einfach verschwendete Energie, wenn wir das in 16 verschiedene Systeme zergliedern.

Das zweite ist, wir kommen aus einer langen Phase des Wohlstandes, des Friedens, der Demokratie und der Stabilität, in der ihr euch wahrscheinlich auch völlig frei einen Arbeitsplatz suchen könnt. Aus der kommen wir aber jetzt raus, weil wir merken, dass mit dem Krieg Russlands in der Ukraine, mit dem Konflikt im Nahen Osten, mit der Abhängigkeit von Lieferketten beim Gas, dass wir auch einen hohen Preis dafür bezahlt haben, dass wir immer in diesem Wohlstand gelebt haben und das wird nicht auf Dauer so weitergehen.

Deswegen glaube ich, ist die große Herausforderung an politische Entscheidungsträger, dass wir wieder Projekte priorisieren und sagen müssen, was uns das wichtigste ist und können nicht immer allen alles versprechen, sondern müssen ganz klar sagen, im Moment müssen wir in ein bestimmtes Projekt investieren, wie zum Beispiel Klimaschutz und dafür kommen andere leider zu kurz. Und man muss den Mut haben, Menschen zu sagen, was nicht geht.

Möchten Sie in Zukunft Bundestagsabgeordneter bleiben oder würden Sie zum Beispiel auch Minister oder Bundeskanzler werden wollen?

Ich bin mit Leib und Seele Abgeordneter. Ich war ja vier Jahre Senator, das war auch eine spannende Zeit. Aber ich liebe die Debatte und den Streit um die bessere Idee und den Parlamentarismus und das freie Wort, dass man für seine Überzeugung werben kann. Also ich bin, glaube ich, von meiner Veranlagung her geborener Parlamentarier.

Sie sind stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Klimaschutz und Energien. Denken Sie, dass Deutschland genug für den Klimaschutz tut?

Im Saldo ja, aber ich finde, dass es noch zu kompliziert ist. Das große Beispiel ist dieses Heizungsgesetz gewesen. Das will ich gerne zugestehen, dass aus einer gut verstandenen Motivlage heraus entstanden ist, dass man über die Wärmeerzeugung in privaten Haushalten reden muss, wenn man klimaneutral werden möchte und da gibt es effektivere Methoden, das zu tun. Das finde ich richtig, aber darauf ist ein so großes bürokratisches Monster gelegt worden, dass wir das Ziel am Ende aus den Augen verloren haben und die Leute waren nicht davon überzeugt.

Ich habe den Eindruck, dass die Menschen im Moment denken, man kann die Klimaziele erreichen, ohne dass sich für ihr individuelles Leben etwas ändert und das wird so nicht möglich sein. Wir können das schaffen, die Klimaneutralität, zumindest in Deutschland, zu erzeugen. Damit ist das Klima natürlich noch nicht gerettet, weil wir um uns herum Länder haben, die nicht so ehrgeizige Klimaschutzziele haben, aber ich glaube, in Deutschland können wir das schaffen, wenn die Leute davon überzeugt sind.

Und auch zu dem Thema, was halten Sie von Deutschlands Atomaustritt?

Ich bin davon überzeugt, dass es richtig war, damals nach Fukushima die deutschen Kernkraftwerke abzuschalten. Allerdings muss man mit dem Wissen von heute sagen, dass wir uns da eigentlich überfordert haben, weil wir aus der Kernenergie ausgestiegen sind und danach darüber geredet haben, dass wir auch aus der Kohle aussteigen müssen. Damit sind wir die einzige Volkswirtschaft weltweit, die auf zwei Energiequellen verzichtet hat. Aber das konnten wir nicht kompensieren, denn so schnell sind regenerative Energien nicht mitgewachsen. Deswegen würde ich sagen, mit dem Wissen von heute war es wahrscheinlich falsch herum. Wir hätten uns erst von der wesentlich umweltschädlicheren Kohle verabschieden müssen, um uns danach um den Atomausstieg zu kümmern.

Wenn es in Zukunft aber irgendwann eine wissenschaftliche Entwicklung gibt, die die Nutzung von Kernspaltung möglich macht ohne die Risiken, also insbesondere ohne das Endlagerproblem, bin ich dafür, dass wir sie auch nutzen.

Wenn sie jetzt alleine regieren könnten, was würden sie dann in der Politik verändern?

Ich würde auf jeden Fall mein Herzensprojekt angehen und sagen, wir müssen zu einer nationalen Anstrengung im Bereich Bildung kommen. Es muss sowas wie eine deutsche Bildungsoffensive geben, wo wir das machen, was wir eben besprochen haben

Das zweite ist, dass wir in der Europäischen Union mehr Gemeinsamkeit erzeugen in den zentralen Themen. Die Migration ist zum Beispiel in Deutschland eine große Herausforderung, wäre aber für alle europäischen Mitgliedsstaaten kein Problem.

Deswegen wäre mein zweites großes Projekt, wenn wir die absolute Mehrheit hätten, dafür zu sorgen, dass es mehr Gemeinsamkeit in Europa gibt.

Welche Stadt mögen sie lieber, Berlin oder Bremen?

Allein weil ich Fußballfan bin, mag ich Bremen lieber.

Ich muss schon sagen, Berlin hat auch etwas. Es ist natürlich wesentlich größer, es bietet viel mehr Kultur und Veranstaltungen und es ist schon eine tolle Stadt. Aber Bremen ist meine Heimat und dort fühle ich mich auch wohler. Ich bin auch mehr in Bremen als in Berlin. Also die Wochenenden in der Regel immer und die Sitzungsfreien Wochen auch.

Vielen Dank für Ihre Zeit.