Neuer Wehrdienst in Deutschland: Zwischen Sicherheit und Kritik

Personalmangel. Laut des Bundesministeriums für Verteidigung sind die Personalengpässe in der Bundeswehr der Grund für den neuen Wehrdienst. Es fehlen Soldatinnen und Soldaten, Reservistinnen und Reservisten. Um die Verpflichtungen der NATO gegenüber gerecht zu werden benötigt die Bundeswehr 260.000 Soldatinnen und Soldaten, bis heute gibt es nur ungefähr 182.000.

Aktuelle Gesetzeslage

Durch das neue Wehrdienstgesetz müssen Männer ab dem Geburtsjahr 2008 verpflichtend wahrheitsgemäß einen Fragebogen ausfüllen. Für Personen anderer Geschlechter ist das Ausfüllen des Fragebogens freiwillig.

Mit diesem Fragebogen, im Gesetz als „Bereitschaftserklärung” bezeichnet, will die Bundeswehr Auskunft über folgende Fragen erhalten:

  • Angaben zur Person, zum Geschlecht, zum Familienstand und zu weiteren Staatsangehörigkeiten
  • Interesse an einem Wehrdienst in der Bundeswehr
  • Körpergröße und Gewicht
  • Schwerbehinderung
  • Bildungsabschlüsse sowie sonstige Befähigungen und Qualifikationen
  • Selbsteinschätzung der körperlichen Leistungsfähigkeit
  • Wehrdienst in fremden Streitkräften

Nach Beantwortung des Fragebogens werden alle Freiwilligen in den Karrierecenter der Bundeswehr eingeladen. Dort erfolgt die medizinische Musterung, in der die Tauglichkeit zum Dienst erfasst wird. Es wird die körperliche, geistige und charakterliche Eignung für den Dienst bei der Bundeswehr geprüft. Wer die Tests besteht, kann Wünsche zum Dienstantritt äußern, wie zum Beispiel Einsatzort (Nähe zum Wohnort), als Teilstreitkraft oder Truppengattung. Die Bundeswehr versucht auf die Wünsche einzugehen, eine Garantie gibt es jedoch nicht. Junge Menschen, die sich freiwillig für den Wehrdienst entscheiden, erhalten 2.600 Euro Brutto Gehalt im Monat. Soldatinnen und Soldaten auf Zeit (SaZ) erhalten monatlich 2.700 Euro Brutto inklusive Unterbringung. Wer sich für ein Jahr verpflichtet, erhält einen Zuschuss für einen Pkw- oder Lkw-Führerschein. Der neue Wehrdienst dauert mindestens sechs Monate.

Das neue Wehrdienstgesetz wurde am 5. Dezember 2025 im Deutschen Bundestag beschlossen. Für den Wehrdienst stimmten 323 Abgeordnete und 272 Abgeordneten stimmten dagegen. Es gab eine Enthaltung. Die Grünen, Die Linken und die AFD stimmten gegen das neue Gesetz. Die CDU/CSU und die SPD dafür. Anschließend passierte es am 19. Dezember 2025 den Bundesrat. Das Gesetz trat am 1. Januar 2026 in Kraft.

Geteilte Meinungen in der Politik zum Wehrdienst

Viele junge Menschen streiken gegen das neue Wehrdienstgesetz, wie zum Beispiel in Bremen, Sachsen, Dresden, Leipzig, München, Stuttgart und Freiburg. Dementgegen würdigte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag der CDU, Norbert Röttgen, das Gesetz als „ganz wichtigen Baustein“ der sicherheitspolitischen Strategie. Die Landesvorsitzende der Linken in Hessen und seit 2025 Mitglied des deutschen Bundestages Desiree Becker kritisierte jedoch, junge Menschen hätten „anderes vor, als im Regiment Merz für das Kapital der Reichen den Kopf hinzuhalten.“ Die sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen, Sora Nanni, bemängelte, das Gesetz biete keine Antwort auf die Frage der Gesamtverteidigung. Es fehle eine systematische Einbeziehung aller Generationen und Geschlechter. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sprach jedoch von einem entscheidenden Schritt für die Verteidigungsfähigkeit.

Kritik um Ausreise-Regel im Wehrdienstgesetz

Lange blieb unbemerkt, dass es noch einen weiteren Abschnitt in dem Gesetz gibt. Männer zwischen 18 und 45 Jahren müssen sich bei einer Ausreise, die länger als drei Monate dauern soll, eine Genehmigung des Verteidigungsministeriums einholen.

Dieser Abschnitt wurde der breiten Öffentlichkeit erst bekannt, als die Zeitung „Frankfurter Rundschau“ (4.4.2026) darauf aufmerksam machte. Daraufhin kam umgehend Kritik aus verschiedenen politischen Lagern sowie von Menschenrechtsorganisationen. Kritiker bemängeln insbesondere den Eingriff in die persönliche Freiheit und sehen darin eine unverhältnismäßige Einschränkung der Bewegungsfreiheit.

Der Verteidigungsminister sagte: „Ob 17 oder 45 Jahre oder dazwischen – alle dürfen selbstverständlich verreisen und brauchen derzeit dafür auch keine Genehmigung.“ Dazu solle in der Woche des 06.04.2026 noch eine entsprechende Verwaltungsvorschrift erlassen werden. Am 09.04.2026 trat eine Regelung in Kraft, die jeden Auslandsaufenthalt über drei Monate genehmigt, solange keine aktive Wehrpflicht besteht.

Wehrdienst – Pro und Contra

Für den neuen Wehrdienst spricht die Stärkung der Landesverteidigungsfähigkeit. Ein Wehrdienst könnte personelle Ressourcen für die Bundeswehr bereitstellen und eine schnell größere Reserve ermöglichen. Laut einer Studie des ifo-Institutes, vom Juni 2024, trägt ein verpflichtender Dienst dazu bei, die Arbeitskraft für das Militär zu erhöhen, was bei freiwilliger Rekrutierung allein schwerer gelingt.

Außerdem würde ein gesellschaftlicher Zusammenhalt und Solidarität dafür sprechen. Studien zeigen, dass ein Dienst mit Menschen aus unterschiedlichen sozialen Hintergründen soziale Kontakte über Gruppengrenzen hinweg stärken kann. Solche Effekte wurden in wissenschaftlichen Untersuchungen zur Persönlichkeit und zur sozialen Entwicklung im Kontext des Wehrdienstes beobachtet. Eine politische und öffentliche Zustimmung ist auch vorhanden. Repräsentativen Umfragen zufolge spricht sich ein signifikanter Teil der deutschen Bevölkerung für die Wiedereinführung aus, etwas über 50% in einer Statista-Erhebung, mit höherer Zustimmung abseits der direkt Betroffenen jüngeren Altersgruppe. Argumentiert wird oft, dass ein verpflichtender Dienst dazu beitragen könne, die „Armee aus der Mitte der Gesellschaft“ zu stärken und dadurch Demokratie und Verantwortung zu fördern.

Gegen den neuen Wehrdienst sprechen die hohen volkswirtschaftlichen Kosten. Eine umfassende Einführung des Wehrdienstes würde bis zu vier Milliarden Euro zusätzlich kosten (Neuverschuldung oder Kürzungen).

Außerdem sprechen gegen den Wehrdienst negative Effekte auf Karriere und Arbeitsmarkt. Ökonomische Modelle zeigen, dass ein Dienst junge Menschen in ihrer Ausbildung verzögern kann, mit messbaren Einbußen bei Einkommen und Konsum. Der neue Wehrdienst ist außerdem ein Eingriff in die persönliche Freiheit. Die Verpflichtung einen Fragebogen auszufüllen und sich vielleicht mustern lassen zu müssen, kann als Verletzung der Selbstbestimmung empfunden werden. Es gibt auch das Problem der Ungleichbehandlung. Ausnahmen wie zum Beispiel, dass Frauen an dem Wehrdienst nicht teilnehmen müssen, können als unfair wahrgenommen werden. Gegen einen Wehrdienst sprechen auch die persönlichen Risiken. Auch im freiwilligen Dienst besteht das Risiko, in gefährliche Einsätze oder Konfliktgebiete geschickt zu werden. Es gibt eine hohe psychische Belastung: Traumata und Stress können auch bei nicht kämpfenden Einsätzen entstehen.

Deutschlandweite Proteste gegen Wehrdienst. Junge Menschen wollen, dass sie erhört werden.

Am 5. Dezember 2025 haben in über 90 Städten tausende junge Menschen gegen die damals noch geplante Wehrpflicht und den heutzutage schon eingeführten Wehrdienst protestiert. Insgesamt beteiligten sich laut Veranstaltern mehr als 55000 Schüler sowie Studierende an Demonstrationen und Schulstreiks.

Die Gründe für die Proteste sind vielfältig. Viele fürchten einen Eingriff in ihre persönliche Freiheit und sehen ihre Zukunftspläne durch den Wehrdienst bedroht. Zudem fürchten zahlreiche Teilnehmer vor militärischer Einbindung und einer möglichen Beteiligung an internationalen Konflikten. Auch Fragen der Gleichbehandlung spielen eine Rolle, insbesondere die Kritik an einer stärkeren Belastung junger Männer.

Mit Sprüchen wie „Unsere Zukunft, unsere Entscheidung fordern die Demonstrierenden freiwillige statt verpflichtende Modelle und mehr Mitsprache für die junge Generation, was in dem Sinne auch erfolgreich war. Die Organisatoren kündigten bereits weitere Aktionstage für 2026 an.